Die Energiewende entscheidet sich nicht in einzelnen Regionen, sondern in Europa. Gleichzeitig ist es entscheidend, dass die Regionen ihre jeweiligen Stärken in ein gemeinsames, resilientes europäisches Energiesystem einbringen. Wasserstoff spielt dabei eine tragende Rolle – regional wie europaweit.
Diese Botschaft prägte den Themenabend „Wasserstoff für den Strukturwandel in NRW – Technologien, Anwendungen und Wertschöpfung“ im S-Forum der Sparkasse Neuss. Das Cluster NanoMikroWerkstoffePhotonik.NRW (NMWP.NRW) und der Wasserstoff Hub Rhein-Kreis Neuss/Rheinland e. V. organisierten die Veranstaltung.
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur nutzte einen rheinischen Ausspruch, um zu verdeutlichen, dass regionale Aktivitäten und europaweites Handeln kein Widerspruch sind, sondern zusammengehören: „Wir halten Pohl.“ Außerhalb des Rheinlands lässt sich das mit „die Stange halten“, „nicht aufgeben“ oder „Kurs halten“ übersetzen. Genau darum geht es: den Kurs beizubehalten und Wasserstoff als Schlüssel-Energietechnologie in NRW weiter auszubauen.

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, © MWIKE NRW/Nils Leon Brauer
„NRW ist ein Wasserstoff-Standort“, sagte Mona Neubaur. Wasserstoff sei das Zukunftsmolekül schlechthin. Das werde besonders deutlich in Zeiten eines „weiteren fossilen Kriegs“. Damit verwies sie auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der zu steigenden Gaspreisen geführt hat, sowie auf den Krieg im Nahen Osten, der die Ölpreise steigen ließ. Die Abhängigkeit von wenigen Förderregionen müsse reduziert werden.
„Der europäische Binnenmarkt bietet dafür eine große Chance.“ Das gilt besonders für Industriestandorte wie NRW. Sie werden künftig darauf angewiesen sein, rund 90 Prozent ihres Wasserstoffbedarfs zu importieren. Dieser Bedarf wird entstehen. Denn Wasserstoff ermöglicht es, Energie zu importieren sowie langfristig und strategisch zu speichern.
Wasserstoff ist wie Erdbeermarmelade
Prof. Peter Wasserscheid, Sprecher des Helmholtz-Clusters für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft und Direktor am Institute for a sustainable Hydrogen Economy am Forschungszentrum Jülich, veranschaulichte dies mit einem Vergleich: Grüner Strom ist wie frische Erdbeeren. Sie sind ein Genuss, wenn sie geerntet und schnell verzehrt werden. Wasserstoff dagegen ist wie Erdbeermarmelade – aufwendiger in der Herstellung, aber lange verfügbar.

Prof. Peter Wasserscheid
Er nannte einen weiteren entscheidenden Vorteil erneuerbarer Energien gegenüber fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdgas und Öl: „Es gibt mehr geeignete Orte, um erneuerbare Energien zu erzeugen, als Orte, an denen Gas und Öl gefördert werden.“ Wasserstoff kann diese Stärke nutzbar machen. Er dient als Träger, um grüne Energie vom Produktionsort dorthin zu bringen, wo sie benötigt wird.
Ein hausgemachtes Problem müsse jedoch gelöst werden: die aktuelle Regulatorik. Sie erschwere es derzeit, Überschussstrom für die Wasserstoffproduktion zu nutzen. Peter Wasserscheid verdeutlichte das mit einem Vergleich: Wäre grüner Strom genauso reguliert wie grüner Wasserstoff, müsste der Besitzer eines E-Autos nachweisen, dass ein Windrad eigens für sein Auto gebaut wurde – und dass es sich genau dann drehte, als das Auto geladen wurde.
Diese Regelungen verhindern, dass Deutschland grünen Wasserstoff produziert, wenn das Stromnetz bereits ausgelastet ist. Stattdessen werden Windräder abgeschaltet. „Dann haben wir einen Energiespeicher mit der Effizienz null.“
Positiv bewertete Peter Wasserscheid die Lage und Infrastruktur des Rheinkreises Neuss für den Import von Wasserstoff. Der Rhein biete die Möglichkeit, Neuss über den Wasserweg an die großen Nordseehäfen Rotterdam, Amsterdam und Antwerpen anzubinden. „Der Hafen Neuss bietet in Zukunft die Möglichkeit, Wasserstoff und seine Derivate hier anzulanden und von hier aus viele Abnehmer in der Region zu versorgen.“ Mit dem Rhein als wichtigem Wassertransportweg und der Nähe zum künftigen Wasserstoff-Kernnetz könne Neuss zu einem wichtigen Knotenpunkt der Wasserstoff-Versorgung für die Region werden.
Deutsche Gründlichkeit und niederländische Innovationskraft
Auch Hannah Tijmes, Generalkonsulin des Königreichs der Niederlande, stellte den Zusammenhang zwischen Energiepolitik und geopolitischen Entwicklungen heraus: „Europa wird erneut zurückgeworfen. Erst der Angriff Russlands auf die Ukraine mit einer Gaskrise als Folge. Jetzt der Krieg im Nahen Osten und steigende Ölpreise. Wer jetzt nicht erkennt, dass Europa energetisch unabhängiger werden muss, hat nichts verstanden.“
Sie warb für eine engere Zusammenarbeit zwischen den Niederlanden und NRW – insbesondere beim Aufbau einer gemeinsamen Wasserstoffwirtschaft. Deutsche Gründlichkeit und niederländische Innovationskraft könnten dabei ganz Europa zugutekommen. Ein wichtiger Schritt sei die geplante Anbindung der Niederlande an das deutsche Wasserstoffkernnetz bis 2030.
Nachhaltiger Kurs im Rheinkreis Neuss
Auch Dr. Dieter Ostermann vom Wasserstoff Hub Rhein-Kreis Neuss/Rheinland betonte: Regionale Stärke müsse europäisch gedacht werden. „Wasserstoff bietet hier eine doppelte Chance: Innovationen aus der Region können in die Welt getragen werden. Gleichzeitig entsteht eine resiliente, zukunftsfähige Energieversorgung.“
Dr.-Ing. Harald Cremer (NMWP.NRW) ergänzte: „Der Hype um Wasserstoff ist abgeebbt. Jetzt konzentrieren wir uns auf das, was tatsächlich funktioniert.“ Das sei kein Rückschritt, sondern ein notwendiger Schritt hin zu mehr Realismus und Umsetzung.
Mona Neubaur war die erste Sprecherin des Abends. Die zweite Bedeutungsebene, die sie für „Wir halten Pohl“ etablierte, hat auch das Potenzial zum Schlusswort. Er stehe auch dafür, dass der eingeschlagene Kurs in Richtung Wasserstoff im Rheinkreis Neuss nicht erst seit gestern, sondern schon lange konsequent verfolgt wird. Zukunftsthemen brauchen Zeit – und vor allem Ausdauer.
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